Die kurze Antwort
BND, BfV und MAD planen eine gemeinsame „ND-Cloud“ für Daten bis zur Stufe „Geheim“, betrieben auf Google Distributed Cloud in der air-gapped Variante, also ohne Verbindung zum Internet und zu Google. Das berichteten NDR und WDR am 26. Oktober 2026. Der Start war für das erste Quartal 2027 vorgesehen, verzögert sich aber, weil das BSI mehrere Komponenten noch prüft. Die Kosten liegen laut Insidern bei mindestens 500 Millionen Euro.
Für Unternehmen ist das ein Signal mit Breitenwirkung: Wenn selbst die Nachrichtendienste Hyperscaler-Technik im abgeschotteten Eigenbetrieb einer europäischen Plattform vorziehen, wird „souverän“ zur Frage von Betreibermodell, Update-Kontrolle und Austauschbarkeit. Genau diese Punkte gehören in jede Cloud- und DevOps-Architektur mit Exit-Strategie, und sie lassen sich mit erfahrenen Teams aus der Nearshore-Softwareentwicklung in Ihrer Zeitzone umsetzen.
Was genau ist geplant?
Wer heute im Verfassungsschutz ein als „Geheim“ eingestuftes Dokument lesen will, braucht dafür einen speziell abgeschirmten Arbeitsplatz. Diese sogenannten roten Systeme sind voneinander isoliert, der Austausch zwischen den Diensten ist entsprechend mühsam. Die ND-Cloud soll das ändern: Erstmals könnten BfV, BND und MAD schnell und in großem Umfang Daten bis zur Geheimhaltungsstufe „Geheim“ teilen. Perspektivisch sollen auch die Verfassungsschutzbehörden der Bundesländer angeschlossen werden.
Inhaltlich geht es laut heise online darum, Rohdaten wie Telefonmitschnitte, Videos und Dokumente zu nachrichtendienstlichen Erkenntnissen zu verarbeiten. Die Datenmengen wachsen, künftig sollen auch automatisierte Analysen bis hin zu KI-Verfahren möglich sein. Dafür reichen die bisherigen, kleinteiligen Systeme nicht aus.
Wie funktioniert eine air-gapped Google Cloud?
Google Distributed Cloud ist Googles Angebot, Cloud-Dienste in fremden Rechenzentren oder beim Kunden selbst zu betreiben. In der air-gapped Variante läuft die Plattform vollständig getrennt vom Internet und von der öffentlichen Google Cloud. Die Daten der ND-Cloud sollen ausschließlich in Deutschland liegen, ein Zugriff durch Google ist nicht vorgesehen.
Für Rechenzentren und Betrieb wollen die Dienste auf die BWI zurückgreifen, das IT-Systemhaus der Bundeswehr. Die BWI hatte bereits im vergangenen Sommer eine Partnerschaft mit Google bekanntgegeben, um geschützte Daten der Bundeswehr auf Google-Cloud-Air-Gapped-Systemen zu verarbeiten. Die ND-Cloud ist damit kein Einzelfall, sondern Teil einer Linie im Sicherheitsbereich des Bundes.
| Modell | Wer betreibt? | Typische Stärke | Typisches Risiko |
|---|---|---|---|
| Public Cloud (US-Hyperscaler, EU-Region) | Anbieter | Größter Service-Katalog, schnell verfügbar | Rechtszugriff aus Drittstaaten, Lock-in |
| Air-gapped Hyperscaler-Technik | Kunde oder nationaler Partner | Moderne Plattform ohne Internetverbindung | Abhängigkeit bei Updates und Know-how |
| Europäische souveräne Cloud | Europäischer Anbieter | Rechtssicherheit, europäische Kontrolle | Kleinerer Service-Katalog, Kapazität |
Warum ist die Wahl umstritten?
Der Widerspruch liegt auf der Hand. BfV-Präsident Sinan Selen hatte im vergangenen Jahr auf die Frage nach US-Software zur Datenanalyse gesagt: „Wir müssen im Endeffekt in der Lage sein, Alternativen zu bieten.“ Auf Anfrage von NDR und WDR schrieb das BfV nun, seine Handlungs- und Innovationsfähigkeit hänge direkt von moderner IT ab, europäische Lösungen seien für die eigene technische Resilienz „von besonderem Interesse“. Weitere Fragen zur Cloud beantworteten weder BND, MAD noch BfV.
Konstantin von Notz, stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, sagte laut heise online, die Entscheidung werfe angesichts der Bedeutung digitaler Souveränität Fragen auf, etwa warum europäische Lösungen nicht infrage kamen. Der Sicherheitsexperte Sven Herpig von der Denkfabrik Interface hält die Datenhaltung nach einer BSI-Zulassung für grundsätzlich vertretbar, verweist aber auf den wunden Punkt: „Die Updates kämen weiterhin von Google. Dann stellt sich die Frage: Kann der Betreiber hierzulande überhaupt beurteilen, welche Auswirkungen ein Update möglicherweise hat?“
Dazu passt, dass es für Abhängigkeiten von Anbietern bislang keine verbindlichen Vergaberegeln gibt. Das BSI hatte im Frühjahr 2026 Kriterien vorgeschlagen, mit denen sich der Grad der Abhängigkeit einstufen lässt, doch diese sind bisher Empfehlungen. Auf EU-Ebene wird parallel über formalisierte Souveränitätskriterien für Cloud- und KI-Aufträge diskutiert. Wie sehr das Thema die Wirtschaft beschäftigt, zeigte zuletzt die Bitkom-Umfrage zu Digitalimporten.
Wie machen es andere Staaten?
Deutschland folgt einem internationalen Muster. In den USA stellt Amazon mit der AWS Secret Cloud Nachrichtendiensten und Militär ein vergleichbares System bereit, und für Großbritannien berichteten Medien 2021 über einen Vertrag mit Amazon für eine Geheimdienst-Cloud. Der Unterschied: In diesen Ländern stammt der Anbieter aus dem eigenen Rechtsraum oder einem engen Bündnis mit eingespielter Kooperation. Für Deutschland bleibt die Abhängigkeit von einem US-Konzern bei der Weiterentwicklung der Software bestehen, auch wenn der Datenzugriff technisch ausgeschlossen ist.
Was bedeutet das für Unternehmen in DACH?
Die ND-Cloud ist ein Sonderfall mit Geheimschutzauflagen. Die dahinterliegende Abwägung kennen aber viele CIOs in Banken, Versicherungen, Gesundheitswesen und Industrie. Vier Lehren lassen sich übertragen:
- Souveränität hat mehrere Ebenen. Datenstandort ist nur eine davon. Ebenso wichtig sind: Wer betreibt die Plattform? Wer liefert Updates und Sicherheitspatches? Und wie schnell ließe sich der Anbieter wechseln?
- Update-Kontrolle gehört in den Vertrag. Wer Software einsetzt, deren Weiterentwicklung er nicht steuert, braucht Prozesse zur Prüfung neuer Versionen, Testumgebungen und klare Regeln, wann eine Änderung neu bewertet werden muss.
- Portabilität ist die Versicherung. Container, Kubernetes und Infrastructure as Code halten den Wechsel zwischen Hyperscaler, air-gapped Betrieb und europäischer Cloud offen. Proprietäre Dienste sollten bewusst und dokumentiert eingesetzt werden.
- Kapazität entscheidet mit. Die Dienste begründen ihre Wahl auch mit der Verfügbarkeit moderner Plattformen. Europäische Anbieter bauen aus, etwa mit dem Rechenzentrum von Schwarz Digits bei Rostock, doch bei Spezialanforderungen bleibt die Lücke real.
Häufige Fragen
Was ist die ND-Cloud der deutschen Nachrichtendienste?
Die ND-Cloud ist ein geplantes gemeinsames Cloud-System von Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Militärischem Abschirmdienst. Laut Recherchen von NDR und WDR (26. Oktober 2026) sollen die Dienste darüber erstmals schnell und umfangreich Daten bis zur Geheimhaltungsstufe Geheim austauschen. Perspektivisch sollen auch die Verfassungsschutzbehörden der Länder angeschlossen werden.
Auf welcher Technik soll die ND-Cloud laufen?
Geplant ist Google Distributed Cloud in der air-gapped Variante. Das System läuft dabei ohne Verbindung zum Internet und zur öffentlichen Google Cloud, die Daten bleiben in Deutschland. Für den Betrieb wollen die Dienste auf die BWI zurückgreifen, das IT-Systemhaus der Bundeswehr.
Wann soll die ND-Cloud starten und was kostet sie?
Ursprünglich war der Start im ersten Quartal 2027 geplant. Das Projekt verzögert sich, weil mehrere Komponenten noch vom BSI geprüft werden. Insider beziffern die Kosten auf mindestens 500 Millionen Euro.
Warum ist die Entscheidung umstritten?
Sie steht im Spannungsfeld zur Debatte um digitale Souveränität. Kritiker fragen, warum keine europäische Lösung gewählt wurde. Der Sicherheitsexperte Sven Herpig (Interface) weist zudem darauf hin, dass Updates weiterhin von Google kämen und unklar sei, wie der Betreiber deren Auswirkungen beurteilen könne.
Was bedeutet das für Unternehmen in DACH?
Air-gapped Hyperscaler-Technik etabliert sich als dritter Weg zwischen Public Cloud und rein europäischer Infrastruktur. Unternehmen in regulierten Branchen sollten Souveränität deshalb nicht nur am Standort der Daten messen, sondern auch an Update-Kontrolle, Betreibermodell und Austauschbarkeit der Plattform.
Quellen
tagesschau.de (NDR/WDR) — Deutsche Nachrichtendienste setzen auf Cloud-System von Google (26. Oktober 2026)
heise online — Nachrichtendienste: BND und BfV wollen angeblich auf Google setzen (26. Oktober 2026)
ComputerBase — Gemeinsame Geheimdienst-Cloud: BND, Verfassungsschutz und MAD wollen auf Google setzen (26. Oktober 2026)