YuSMP Group
YuSMP Group Redaktion YuSMP Group · Softwareentwicklung, Modernisierung von Altsystemen und Digitalisierungsberatung für B2B und öffentliche Auftraggeber in DACH
Mitarbeiterin in einem hellen Behördenbüro mit hohen Altbaufenstern arbeitet an Laptop und zwei Monitoren mit offener Büro-Software und Entwicklungsumgebung

Die kurze Antwort

Bayern und Schleswig-Holstein legen ihre Erfahrungen mit Open Source in der Verwaltung zusammen und entwickeln Lösungen künftig gemeinsam. Hintergrund ist ein Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz: Bis zum 31. März 2027 sollen funktionierende, digital souveräne Alternativen zur gängigen proprietären Arbeitsplatzsoftware bereitstehen. Schleswig-Holstein ist dabei Vorreiter, Bayern hat die Verhandlungen über einen neuen Microsoft-Rahmenvertrag vorerst beendet.

Für Behörden heißt das: Altanwendungen, Fachverfahren und Schnittstellen müssen auf offene Standards umziehen, ohne dass der Betrieb stockt. Genau das ist der Kern jeder Modernisierung gewachsener Softwarelandschaften. Wer den Weg dorthin erst planen muss, braucht eine belastbare Digitalisierungsstrategie mit Exit-Optionen statt eines weiteren Lizenzvertrags.

Was steht in der Kooperationsvereinbarung?

Im Mittelpunkt stehen zwei Dinge: ein intensiver Erfahrungsaustausch zwischen den Landesverwaltungen und die gemeinsame Weiterentwicklung offener, interoperabler und herstellerunabhängiger Softwarelösungen und IT-Infrastrukturen. Die Länder begründen den Schritt nach Angaben von heise online mit wachsenden geopolitischen Risiken. Konkrete gemeinsame Projekte, Budgets oder eine Organisationsform wurden bei der Unterzeichnung nicht öffentlich genannt.

Die Vereinbarung soll zugleich helfen, den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz umzusetzen, der laut dem Fachportal eGovernment vom Dezember 2025 stammt. Bis Ende März 2027 sollen die Länder digital souveräne Alternativen für den klassischen Büroarbeitsplatz anbieten können: Textverarbeitung, Tabellen, E-Mail, Kalender und Zusammenarbeit.

Wo stehen die beiden Länder heute?

Die Ausgangslagen unterscheiden sich deutlich. Schleswig-Holstein verfolgt den Wechsel von Microsoft zu Open Source seit Jahren als Strategie. Bayern steigt später und schrittweise ein.

PunktSchleswig-HolsteinBayern
Ansatzstrategischer Systemwechsel zu Open Sourceiterativ, Erprobung im laufenden Betrieb (Projekt „SovereignIT“)
ArbeitsplatzStaatskanzlei nach E-Mail und Office weitgehend unter Linux; laut eGovernment rund 80 % der Arbeitsplätze mit LibreOfficeZiel laut eGovernment: ein Fünftel der Ministeriumsbeschäftigten arbeitet bis März 2027 nur mit souveränen Lösungen
E-Maillaut eGovernment Umzug auf Open-Xchange und Thunderbird, rund 40.000 Postfächerkeine Angaben
Microsoftschrittweise abgelöst; laut eGovernment über 15 Mio. Euro Lizenzersparnis pro JahrFinanzministerium hat Verhandlungen über neuen Rahmenvertrag vorerst beendet

Gerade diese Mischung macht die Kooperation interessant: Kiel bringt Betriebserfahrung mit migrierten Arbeitsplätzen ein, München die Perspektive einer großen Verwaltung, die Alternativen erst im Echtbetrieb testet.

Warum setzen die Länder auf Open Source?

Bayerns Digitalminister Fabian Mehring nennt digitale Souveränität eine zentrale Frage staatlicher Handlungsfähigkeit. „Wer keine Alternative hat, ist ausgeliefert“, sagte er laut dpa. Behörden müssten ihre Daten selbst schützen und kontrollieren können, statt über Regelungen wie den US-Cloud-Act fremden staatlichen Zugriffsrisiken ausgesetzt zu sein. Kein externer Akteur dürfe einen digitalen Kill-Switch in der Hand halten. Es gehe dabei ausdrücklich „nicht um Abschottung oder digitale Autarkie“, sondern um echte Wahlfreiheit auf Augenhöhe.

Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei und Digitalminister in Kiel, hob die Kontrolle über kritische digitale Infrastrukturen und die Hoheit über öffentliche Daten hervor. Open Source sei dafür das entscheidende Instrument. Öffentliche Budgets sollen nach seinen Worten lieber die heimische Digitalwirtschaft stärken, statt ins Ausland abzufließen.

Was das für IT-Dienstleister und Softwareteams in DACH bedeutet

Die wichtigste Ansage für den Markt steckt in einem Satz Mehrings: Bei der Beschaffung von Hard- und Software soll neben klassischen Kriterien künftig auch die digitale Souveränität zählen. Das verschiebt die Gewichte in Ausschreibungen. Gefragt sind:

  1. Offene Standards und Formate. Dokumente, Daten und Schnittstellen, die sich ohne einen bestimmten Hersteller lesen und weiterverarbeiten lassen.
  2. Interoperabilität. Fachverfahren müssen mit neuen Arbeitsplatz-, Mail- und Kollaborationslösungen zusammenspielen, oft über Länder- und Behördengrenzen hinweg.
  3. Betrieb ohne Lock-in. Quellcode, Dokumentation und Betriebsmodelle, die Verwaltung oder Dienstleister wechseln können.
  4. Migrationsfähigkeit. Viele Fachanwendungen hängen an Office-Makros, Outlook-Integrationen oder proprietären Datenbanken. Diese Abhängigkeiten müssen erst gefunden und dann sauber ersetzt werden.

Der Druck ist nicht neu: Deutschland schneidet bei der digitalen Abhängigkeit schlecht ab, wie wir im Beitrag zum Digital Dependence Index beschrieben haben. Neu ist, dass zwei große Länder mit einer festen Frist im Rücken gemeinsam liefern wollen. Das dürfte auch Kommunen und Landesbetriebe erreichen, die bisher abgewartet haben.

Was noch offen ist

Offen sind bislang die konkreten Projekte, die Finanzierung und die Frage, ob sich weitere Länder anschließen. Ebenso unklar ist, wie die Kooperation mit bestehenden Initiativen auf Bundesebene zusammenspielt. Spannend wird außerdem, ob die Frist der Ministerpräsidentenkonferenz zum 31. März 2027 in den Ländern flächendeckend zu halten ist oder vor allem in Pilotbereichen erreicht wird.

Häufige Fragen

Was haben Bayern und Schleswig-Holstein vereinbart?

Das Bayerische Digitalministerium und die Staatskanzlei Schleswig-Holstein haben am 4. November 2026 in Berlin eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Kern sind ein enger Erfahrungsaustausch und die gemeinsame Weiterentwicklung offener, interoperabler und herstellerunabhängiger Software und IT-Infrastruktur für die Landesverwaltungen.

Bis wann sollen souveräne Alternativen bereitstehen?

Die Länder wollen damit einen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz umsetzen: Bis zum 31. März 2027 sollen funktionierende, digital souveräne Alternativen zur gängigen proprietären Arbeitsplatzsoftware verfügbar sein.

Wie weit ist Schleswig-Holstein mit dem Umstieg auf Open Source?

Schleswig-Holstein treibt den Wechsel von Microsoft zu Open Source seit Jahren voran. Nach E-Mail und Office läuft die Kieler Staatskanzlei laut heise online inzwischen weitgehend unter Linux. Das Fachportal eGovernment nennt rund 80 Prozent der Arbeitsplätze mit LibreOffice und mehr als 15 Millionen Euro jährliche Lizenzersparnis.

Was bedeutet das für Softwareanbieter?

Bei der Beschaffung soll digitale Souveränität künftig neben Preis und Funktion zählen. Gefragt sind damit offene Standards, Interoperabilität, Datenhoheit ohne Zugriffsrisiken über den US-Cloud-Act und Lösungen, die sich ohne Herstellerbindung betreiben und weiterentwickeln lassen.

Quellen

heise online — Bayern und Schleswig-Holstein kooperieren für digitale Souveränität (5. November 2026)
Golem.de — Verwaltung: Bayern und Schleswig-Holstein kooperieren bei offener IT (6. November 2026)
t-online (dpa) — Schleswig-Holstein und Bayern kooperieren bei IT-Lösungen (4. November 2026)
eGovernment — Bayern und Schleswig-Holstein arbeiten zusammen (November 2026)