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YuSMP Group Redaktion YuSMP Group · Softwareentwicklung, Legacy-Modernisierung und FinTech-Engineering für B2B-Unternehmen in DACH und den USA
Leitstand einer Zentralbank: Mitarbeitende überwachen Zahlungsverkehrs-Dashboards auf einer großen Monitorwand, dahinter Serverschränke hinter Glas

Die kurze Antwort

Die Bundesbank setzt im Kern ihres Zahlungsverkehrs auf Standardsoftware statt Eigenbau. Wie das Handelsblatt am 25. September 2026 berichtete, hat SAP Fioneer den Zuschlag für das Projekt ARENA erhalten: ein neues Core-Banking-System samt Application Management Service. Die EU-Vergabebekanntmachung dazu wurde bereits im April veröffentlicht, der Vertrag am 30. März 2026 geschlossen.

Für Banken und Finanzdienstleister in der DACH-Region ist das ein Lehrstück in Legacy-Modernisierung: Nicht das Rechenzentrum oder die Oberfläche wird erneuert, sondern der Buchungskern – und mit ihm die Frage, wer ihn künftig weiterentwickelt. Wer ähnliche Entscheidungen vor sich hat, findet unter FinTech-Softwareentwicklung unseren Ansatz für regulierte Umgebungen.

Was hat die Bundesbank vergeben?

Gegenstand ist das Core-Banking-System, über das die Bundesbank ihre Zahlungsprozesse abwickelt. Laut Handelsblatt handelt es sich bisher um eine selbst entwickelte Plattform, die „in die Jahre gekommen“ ist und durch Standardsoftware ersetzt werden soll. Die Zeitung stützt sich auf Unterlagen im EU-Vergabeportal TED.

Die Bekanntmachung 254682-2026 bestätigt die Eckdaten: Der Zentralbereich Beschaffungen der Bundesbank hat ein Verhandlungsverfahren mit vorherigem Teilnahmewettbewerb durchgeführt, inklusive Verhandlungsrunde und „Best and final offer“. Für Los 1 gingen zwei Angebote ein, Zuschlagskriterien waren Preis und Qualität. Den Zuschlag erhielt SAP Fioneer, der Vertrag datiert vom 30. März 2026, veröffentlicht wurde die Vergabe am 15. April 2026. Einen Auftragswert nennt die Bekanntmachung nicht.

Was steckt in den beiden Losen?

Die Ausschreibung war in zwei Lose geteilt – und schon diese Aufteilung ist lehrreich für jedes größere Modernisierungsprojekt:

  • Los 1 – Produkt und Application Management. Beschafft wurden das Core-Banking-System inklusive Lizenzen und Pflege der Standardsoftware sowie ein Application Management Service. Der Dienstleister soll das Anwendungsmanagement in der Umsetzungsphase aufbauen, Wartung und Support im Produktivbetrieb übernehmen und das Produkt in enger Abstimmung mit dem Hersteller an die Bedürfnisse der Bank anpassen. Bemerkenswert: Die Bekanntmachung hält fest, dass dieses Application Management außerhalb der Organisationshoheit der Bank liegt.
  • Los 2 – Systemintegration. Ein Integrationspartner soll die Bundesbank dabei unterstützen, das Produkt bis zur Aufnahme des Wirkbetriebs in die eigene Infrastruktur – die Private Cloud der Bundesbank – und in die bestehende Anwendungslandschaft einzubinden. Die vorliegende Bekanntmachung weist ein Vergabeergebnis nur für Los 1 aus.

Die Trennung von Produkt und Integration ist klassisch für Kernbanken-Projekte: Der Hersteller liefert den Standard, ein zweiter Partner verantwortet Schnittstellen, Migration und Einbettung in eine gewachsene Systemlandschaft. Genau an dieser Nahtstelle entscheiden sich in der Praxis Zeitplan und Budget.

Warum ist der Auftrag für SAP Fioneer wichtig?

SAP hat sein Software-Geschäft für Banken und Versicherungen 2021 in die eigenständige Gesellschaft SAP Fioneer ausgegliedert. Der Münchner Investor Dediq sagte damals Investitionen von mehr als 500 Millionen Euro zu und übernahm 80 Prozent der Anteile. Nach der Ausgründung reagierten viele Banken zurückhaltend: Sie hätten lieber weiter mit einem DAX-Konzern gearbeitet und fürchteten einen Weiterverkauf, so das Handelsblatt.

Vor diesem Hintergrund ist die Bundesbank als Referenzkunde ein Prestigeauftrag. Er fügt sich zudem in eine Strategie, die über den reinen Lizenzverkauf hinausgeht: Mit dem Application Management übernimmt Fioneer auch den laufenden Betrieb und die Weiterentwicklung. CEO Matthias Tomann hatte Bedenken der Kunden mit dem Hinweis auf einen „unbegrenzten Investitionshorizont“ begegnet; einen Verkauf des Unternehmens plane man nicht, einen Börsengang in einigen Jahren könne er sich aber vorstellen.

Was bedeutet das für Banken in DACH?

Direkt betroffen sind zunächst nur die Bundesbank und ihre Dienstleister. Indirekt liefert der Fall drei Punkte, die IT-Verantwortliche in Banken, Sparkassen und bei Zahlungsdienstleistern ernst nehmen sollten:

  1. Eigenbau im Kern wird zur Ausnahme. Wenn selbst eine Zentralbank mit eigenen Entwicklungskapazitäten die Weiterentwicklung ihres Buchungskerns nicht mehr allein tragen will, verschiebt sich die Beweislast: Wer am Eigenbau festhält, muss begründen, warum Wartung, Fachkräfte und regulatorische Anpassungen intern günstiger sind.
  2. Der Standard ist nicht das Projekt – die Integration ist es. Die separate Ausschreibung der Systemintegration zeigt, wo der Aufwand liegt: Schnittstellen zu Umsystemen, Datenmigration, Parallelbetrieb und Tests. Eine saubere Enterprise-Integrationsarchitektur entscheidet darüber, ob der neue Kern in drei oder in acht Jahren produktiv ist.
  3. Auslagerung verlangt Steuerungskompetenz. Liegt das Application Management beim Hersteller, braucht die Bank eigene Leute, die Anforderungen priorisieren, Lieferungen abnehmen und eine Exit-Strategie vorhalten. Für beaufsichtigte Institute ist das ohnehin Pflicht: Auslagerungen und IKT-Drittdienstleister unterliegen den Vorgaben von BaFin und europäischer Regulierung wie DORA.

Was ist noch offen?

Viele Details sind nicht öffentlich. Weder der Auftragswert noch die Laufzeit des Vertrags oder ein Zeitplan für die Ablösung des Altsystems sind bekannt. Auch wer den Zuschlag für die Systemintegration in Los 2 erhält, geht aus der vorliegenden Bekanntmachung nicht hervor. Die Bundesbank selbst hat sich nach Stand dieses Artikels nicht öffentlich zu dem Projekt geäußert.

Häufige Fragen

Was ist das Projekt ARENA der Bundesbank?

ARENA steht laut EU-Bekanntmachung für „Aktualisierung und Re-Design der nationalen Anwendungslandschaft“. Kern des Vorhabens ist der Ersatz des Core-Banking-Systems, mit dem die Deutsche Bundesbank ihren Zahlungsverkehr abwickelt. Die bisherige, selbst entwickelte Plattform soll durch Standardsoftware abgelöst werden.

Was genau hat SAP Fioneer gewonnen?

Los 1 der Ausschreibung: das Core-Banking-System selbst inklusive Lizenzen und Pflege sowie den Application Management Service, also Betrieb, Support und Weiterentwicklung der Lösung über den Lebenszyklus. Der Vertrag wurde laut TED-Bekanntmachung am 30. März 2026 geschlossen; bekannt wurde die Vergabe breit durch einen Handelsblatt-Bericht vom 25. September 2026.

Wie viel ist der Auftrag wert?

Das ist öffentlich nicht bekannt. Die Bekanntmachung weist keinen Auftragswert aus, und weder Bundesbank noch SAP Fioneer haben eine Summe genannt. Bekannt ist, dass im Verhandlungsverfahren zwei Angebote für Los 1 eingingen und nach Preis und Qualität gewertet wurde.

Was bedeutet der Schritt für Banken und Finanzdienstleister?

Er zeigt, dass selbst eine Zentralbank die Weiterentwicklung einer Eigenentwicklung im Kern nicht mehr allein tragen will. Für Institute heißt das: Die Entscheidung zwischen Eigenbau und Standard muss neu gerechnet werden – inklusive Integrationsaufwand, Datenmigration, Exit-Strategie und Steuerung des externen Dienstleisters.

Quellen

Handelsblatt — Software: Bundesbank kauft wichtiges IT-System von SAP Fioneer (25. September 2026)
TED — Bekanntmachung 254682-2026: Deutsche Bundesbank, Beschaffung eines CBS mit AMS und SIS (Projekt ARENA), veröffentlicht 15. April 2026