Die kurze Antwort
SAP will mit KI-Agenten noch einmal „über sich hinauswachsen“ – aber nicht ohne Menschen in der Verantwortung. Das sagte Konzernchef Christian Klein am 28. September 2026 im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Kunden würden Agenten schrittweise mehr Aufgaben übertragen; in kritischen Bereichen bleibe die letzte Entscheidung aber beim Menschen.
Für Unternehmen ist das die eigentliche Nachricht: Der größte europäische Anbieter von Unternehmenssoftware plant KI-Agenten ausdrücklich mit menschlicher Freigabe. Wer Agenten an bestehende ERP- und Fachsysteme anbindet, muss diese Freigaben in die Prozesse und die Integrationsarchitektur einbauen, statt sie nachträglich anzuflanschen.
Was hat Klein genau gesagt?
Klein zeigte sich im Gespräch mit der dpa ausgesprochen offensiv. „Für SAP eröffnet sich gerade die größte Chance für einen weiteren wirklichen Schub“, sagte er. Und weiter: „Die Chance, dass SAP noch einmal über sich hinauswächst, war nie größer.“ In der Unternehmenswelt stehe KI „im Moment kurz vor dem breiten Durchbruch“.
Zugleich dämpfte er Erwartungen an vollständig selbstständige Software. Kunden würden „schrittweise immer mehr Verantwortung an die Agenten übertragen“. Ein KI-Agent werde in kritischen Unternehmensbereichen aber auch künftig nicht zu 100 Prozent autonom agieren: „Am Ende trägt immer ein Mensch die Verantwortung.“
Der Hintergrund ist auch ein finanzieller: Investoren erwarten, dass das KI-Geschäft das Umsatzwachstum beschleunigt. SAP hatte 2025 den Umsatz um 8 Prozent auf 36,8 Milliarden Euro gesteigert, der Nettogewinn lag bei 7,5 Milliarden Euro – vor allem dank des Cloud-Geschäfts, dessen Umbau Klein zuvor vorangetrieben hatte.
Worauf setzt SAP bei KI-Agenten?
Klein begründet den Anspruch mit einem „einzigartigen Vorteil“: SAP verbinde Unternehmenssoftware, Industriewissen und große Datenbestände. Wer sich dagegen allein auf die Sprachmodelle anderer Anbieter verlasse, werde „austauschbar“ – ein deutlicher Seitenhieb auf Anbieter, die Agenten als dünne Schicht über fremde Modelle legen.
Die Richtung hatte SAP bereits im Mai vorgegeben. Auf einer Kundenkonferenz in den USA stellte der Konzern das Konzept des „autonomen Unternehmens“ vor: eine einheitliche KI-Plattform, deren Agenten in Geschäftsprozessen, Daten und Unternehmenssteuerung verankert sein sollen, um Abläufe zu optimieren und Kosten zu senken. Das dpa-Interview ist damit weniger eine neue Strategie als eine Präzisierung – vor allem beim Thema Autonomie.
- Agenten im Prozess, nicht daneben. SAP positioniert Agenten dort, wo Buchungen, Bestellungen und Freigaben ohnehin laufen – im ERP und den angrenzenden Systemen.
- Daten als Burggraben. Der Wert eines Agenten hängt an sauberen, verknüpften Stamm- und Bewegungsdaten. Genau die liegen bei vielen Unternehmen in SAP-Systemen.
- Eigene Plattform statt reinem Modellzukauf. Klein setzt darauf, dass Kunden Agenten beim Anbieter ihrer Kernprozesse beziehen – nicht bei einem generischen KI-Anbieter.
Warum keine volle Autonomie?
Kleins Grenze ist keine Floskel, sondern beschreibt, wie Agenten in regulierten und haftungsrelevanten Prozessen realistisch eingesetzt werden. Ein Agent, der Rechnungen vorkontiert, Bestellvorschläge erstellt oder Zahlungsläufe vorbereitet, arbeitet schnell und rund um die Uhr. Wer aber für eine falsche Zahlung, eine fehlerhafte Steuerbuchung oder eine diskriminierende Personalentscheidung haftet, bleibt eine Person im Unternehmen.
Dazu kommt der europäische Rahmen: Der EU AI Act verlangt für Hochrisiko-KI-Systeme ausdrücklich eine wirksame menschliche Aufsicht. Unternehmen, die Agenten etwa im Personalbereich einsetzen, müssen diese Aufsicht nachweisen können. Wie sich solche Pflichten technisch umsetzen lassen, beschreiben wir unter EU-AI-Act-Compliance.
Praktisch heißt „Mensch in der Verantwortung“ vor allem Architektur: Wo endet der Handlungsspielraum des Agenten, wo beginnt die Freigabe, und wie wird jeder Schritt nachvollziehbar protokolliert?
Was bedeutet das für Unternehmen in DACH?
Die Botschaft des Marktführers verschiebt die Diskussion von „ob“ zu „wie viel Autonomie wo“. Für IT- und Fachverantwortliche folgen daraus vier konkrete Aufgaben:
- Autonomiestufen pro Prozess festlegen. Nicht jeder Vorgang braucht dieselbe Kontrolle. Eine Stammdatenprüfung kann ein Agent weitgehend allein erledigen, ein Zahlungslauf über einem Schwellenwert nicht. Diese Grenzen gehören in eine schriftliche Regel, nicht in den Prompt.
- Freigaben in den Workflow bauen. Menschliche Kontrolle funktioniert nur, wenn sie im Prozess sichtbar ist: Freigabeschritte im ERP, Eskalation an Zuständige, Fristen. Ein Agent, der am System vorbei per E-Mail um Bestätigung bittet, erzeugt Schatten-Prozesse.
- Jede Agentenaktion protokollieren. Wer hat was angestoßen, auf welcher Datengrundlage, wer hat freigegeben? Ohne lückenlosen Audit-Trail lassen sich weder Fehler aufklären noch Prüfungen durch Wirtschaftsprüfer oder Aufsicht bestehen.
- Anbieterabhängigkeit bewusst entscheiden. Kleins Argument, Agenten gehörten zum Anbieter der Kernprozesse, ist aus SAP-Sicht schlüssig. Für Kunden bedeutet es eine weitere Bindung. Wer Agenten auch über Nicht-SAP-Systeme spannen will, braucht offene Schnittstellen und eine eigene Orchestrierungsschicht.
Mehr zu SAPs aktueller Lage liefern unsere Berichte zu Cloud-ERP-Wachstum und gekapptem Gewinnziel sowie zur KI-Plattform von SAP und Telekom.
Was ist noch offen?
Konkrete Zahlen zum KI-Geschäft nannte Klein im Interview nicht – weder Umsätze mit Agenten noch Kundenzahlen oder Preismodelle. Auch welche Prozesse SAP als „kritisch“ einstuft und wo die Grenze zwischen weitgehender und voller Autonomie im Produkt tatsächlich verläuft, bleibt offen. Aufschluss dürften erst die kommenden Quartalszahlen und konkrete Kundenprojekte geben.
Häufige Fragen
Was hat SAP-Chef Christian Klein über KI-Agenten gesagt?
Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin sagte Klein, für SAP eröffne sich „gerade die größte Chance für einen weiteren wirklichen Schub“. Kunden würden schrittweise immer mehr Verantwortung an KI-Agenten übertragen. In kritischen Unternehmensbereichen werde ein Agent aber auch künftig nicht zu 100 Prozent autonom agieren: „Am Ende trägt immer ein Mensch die Verantwortung.“
Worauf stützt SAP seinen Anspruch im KI-Geschäft?
Laut Klein auf einen „einzigartigen Vorteil“ aus Unternehmenssoftware, Industriewissen und großen Datenbeständen. Wer sich nur auf die Sprachmodelle anderer Anbieter verlasse, werde austauschbar. Im Mai hatte SAP auf einer Kundenkonferenz in den USA das Konzept des „autonomen Unternehmens“ vorgestellt – eine einheitliche KI-Plattform, deren Agenten in Prozessen, Daten und Unternehmenssteuerung verankert sein sollen.
Wie steht SAP wirtschaftlich da?
SAP steigerte den Umsatz 2025 um 8 Prozent auf 36,8 Milliarden Euro, der Nettogewinn lag bei 7,5 Milliarden Euro. Getrieben wurde das Wachstum vor allem vom Cloud-Geschäft. Investoren erwarten nun, dass die KI-Produkte das Umsatzwachstum weiter beschleunigen.
Was sollten Unternehmen vor dem Einsatz von KI-Agenten klären?
Vor allem, welche Entscheidungen ein Agent selbst treffen darf und welche eine menschliche Freigabe brauchen. Dazu gehören Schwellenwerte, Protokollierung jeder Agentenaktion, klare Zuständigkeiten und eine Rückfallebene. Wer Agenten in ERP-, Finanz- oder Personalprozesse bringt, sollte das vor dem Rollout festlegen – nicht danach.
Quellen
heise online — Christian Klein: SAP wächst dank KI-Agenten über sich hinaus (28. September 2026)
Handelsblatt — Softwarekonzern: SAP-Chef sieht historische Wachstumschance durch KI-Produkte (28. September 2026)
dpa-AFX via Börse Online — SAP-Chef sieht historische Wachstumschance durch KI-Produkte (28. September 2026)